Gedanken zur Corona-Krise

Nachdem wir uns nun alle einigermaßen an den Ausnahmezustand gewöhnt haben und DFB und DFL in den letzten Tagen in den Medien mal wieder das Märchen vom „Dialog mit den Fans“ bemüht haben, möchten auch wir einmal ein paar ganz grundlegende Gedanken zur aktuellen Krise zum Ausdruck bringen und klar Stellung zur Frage der Geisterspiele beziehen.

Eines vorweg: Uns als Fans bedeutet der Fußball und Werder Bremen alles. Und doch zeigen uns die aktuellen Geschehnisse rund um die Corona-Pandemie einmal mehr, dass es wichtigere Dinge gibt als Fußball. Selten passte das oft zitierte Bild vom Fußball als „schönste Nebensache der Welt“ besser als in diesen Tagen.

In der gegenwärtigen Krise werden diverse Probleme unserer Gesellschaft bis zum äußersten zugespitzt und damit auch für jene sichtbar, die sonst zu gern die Augen vor den Ungerechtigkeiten dieser Welt verschließen. So zeigt sich, dass zwar das Virus bzw. die dadurch hervorgerufene Krankheit Covid19 keine Unterschiede macht zwischen arm und reich. „Vor Corona sind wir alle gleich“ hört man derzeit immer wieder. Und doch treffen die Maßnahmen vor allem die Menschen besonders hart, die es auch vor der Krise nicht leicht hatten. In Deutschland sind dies vor allem Obdachlose, Geflüchtete oder Menschen, die Opfer häuslicher Gewalt werden. Aber auch alle Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die mit ihrem Kurzarbeitergeld nicht vernünftig über die Runden kommen oder Selbstständige, denen die Einkünfte gerade komplett wegbrechen, gehören zu den stärker Betroffenen. Der Staat bemüht sich dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Und trotzdem steht zu befürchten, dass die extreme Ungleichheit bei der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums infolge der Corona-Krise weiter zunehmen wird.
Fassungslos sind wir auch weiterhin über die weiterhin menschenunwürdigen Zustände an den EU-Außengrenzen und darüber, dass diese durch die Pandemie größtenteils aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt werden.

Diese Krise wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Nicht selten hört man, dass es eine Zeit „vor-“ und eine Zeit „nach Corona“ geben wird. Dabei beinhaltet dies sowohl Anlass zur Sorge, als auch zur Hoffnung. Ein zentraler Punkt, der uns hoffen lässt, ist, dass der Begriff der Solidarität derzeit überall Hochkonjunktur hat. Wir wünschen uns, dass die menschliche Solidarität auch nach der Krise als die wichtigste Stütze unserer Gesellschaft erkannt und auch danach gehandelt wird. So ist es allerhöchste Zeit das Gesundheitswesen in Deutschland dahingehend zu reformieren, dass die Versorgung der Menschen im Mittelpunkt steht und Wirtschaftlichkeit keine Rolle spielt. Gesundheit ist keine Ware!
Zudem müssen alle die Menschen, die das System gerade am Laufen halten und denen dafür zu Recht von allen Seiten applaudiert wird, endlich eine gesellschaftliche Wertschätzung in Form von angemessener Bezahlung und Arbeitsbedingungen erhalten.
So viel zu einigen der großen politischen Fragen, die uns momentan beschäftigen.

Nun zum Fußball. Klar ist, dass die aktuelle Lage eine Ausnahmesituation ist und es nicht möglich war sich auf genau diesen Fall vorzubereiten.
Allerdings lassen diverse Handlungen und Äußerungen betreffend den Profifußball einen mehr als faden Beigeschmack zurück. Natürlich ist ein Profifußball-Club im Jahr 2020 ein Wirtschaftsunternehmen, niemand würde dies bestreiten. Und doch unterscheiden sich Fußballvereine in gewissen Punkten von klassischen Wirtschaftsunternehmen. Vereine haben einen emotionalen Wert für ihre Fans, den man rational nicht beschreiben kann. Sie verbinden Regionen, stiften Sinn und geben Menschen Halt. Und letzten Endes funktioniert der Profifußball als Unterhaltungsgeschäft im Kapitalismus nur aufgrund dieser emotionalen Werte, die Fans überall auf der Welt ihren Vereinen zuschreiben. Fußball ohne Fans ist nichts.
Deswegen haben Fußballvereine nach unserer Auffassung eine Verantwortung für die Gesellschaft, die deutlich über die eines „normalen“ Wirtschaftsunternehmens hinaus geht. Und genau diese Verantwortung sehen wir mit Füßen getreten, wenn die Funktionäre der Clubs und der DFL offen damit liebäugeln die Saison mit Geisterspielen zu beenden, nur um vertragliche Verpflichtungen gegenüber den Pay-TV-Anbietern zu erfüllen, koste es was es wolle. Dies würde u.a. durch die dauernd erforderlichen Corona-Tests der Spieler Kapazitäten des Gesundheitssystems kosten, die möglicherweise an anderen Stellen sinnvoller eingesetzt werden könnten.
Dass seitens der Verbände offenbar dennoch diese Variante bevorzugt wird und diese Pläne offen kommuniziert werden, während in den meisten anderen Bereichen der Gesellschaft an eine Rückkehr zur Normalität nicht einmal gedacht wird, zeigt wie abgehoben und weit entfernt von der Basis die Fußball-Funktionäre schon seit längerer Zeit sind. Diese Personen schreiben dem Fußball eine Sonderrolle zu und ihr einziges Argument für diese Sichtweise sind die exorbitanten Geldsummen, die in diesem System zirkulieren.
Die ganze Situation zeigt damit auch, wie kaputt das gesamte System „Profifußball“ ist. Uns ist durchaus bewusst, dass die kapitalistische Verwertungslogik vor dem Fußball genau so wenig Halt macht, wie vor allen anderen Bereichen der Gesellschaft. Man sieht dies an teils astronomischen Preisen für Tickets, Fanartikel, aber auch Bier und Bratwurst im Stadion. Uns ist auch bewusst, dass wir dieses „Spiel“ ja freiwillig mitspielen und als aktive Fans, welche in den Stadien eine einzigartige Atmosphäre kreieren, sogar einen erheblichen Teil zu den Vermarktungsmöglichkeiten und damit der weiteren Kommerzialisierung des Fußballsports beitragen. Diese ganze Entwicklung war schon da, als viele der heute aktiven Fans das erste Mal ihren Verein im Stadion sahen.
Und doch fragen wir uns wie lange es wohl noch dauern wird, bis das maßlose Profitstreben einiger weniger den Fußball für uns alle ungenießbar machen wird.
Allerdings wollen wir hier nicht bloß Untergangsstimmung verbreiten, sondern auch ganz deutlich sagen, dass die Corona-Krise auch eine Chance für den deutschen Fußball darstellen kann. Eine Chance zu einem Aufbruch in eine solidarische Zukunft in der Fußball sich zwar leider nicht vollends von den Gesetzen des Marktes lösen wird, aber doch bewusster mit seiner Einzigartigkeit als Kulturgut und der Verantwortung, die daraus erwächst, umgehen wird. Ansätze dafür wären eine konsequente Umsetzung der 50+1 Regel und eine gerechtere Verteilung der TV-Gelder, die sich weniger am sportlichen Erfolg orientiert und damit einer weiteren Differenzierung der Bundesliga in arme und reiche Clubs entgegen wirken würde. Zu hoffen ist außerdem, dass sich infolge der Krise der Transfermarkt entspannen und das Gehaltsgefüge der Profifußballer in Europa nachhaltig verändern könnte.

Aktuell geht es uns aber in erster Linie einmal darum klar Stellung zu beziehen zur Frage der Geisterspiele. Dass wir als Werderfans in diesem Szenario in der Situation wären, unser Team in den entscheidenden Spielen um den Klassenerhalt nicht unterstützen zu können, so dass Werder Bremen ein aus unserer Sicht erheblicher Wettbewerbsnachteil entstehen würde, sei dabei nur am Rande erwähnt.
Die Bundesligasaison 2019/2020 durch Geisterspiele zu beenden würde unserer Meinung nach ein fatales Signal senden. Daher fordern wir die Verantwortlichen auf derartigen Plänen eine klare Absage zu erteilen. Denn Fußball ohne Fans ist nichts.

Bleibt solidarisch – auch nach der Krise!

UltrA-Team Bremen im April 2020

PS: Zu guter Letzt möchten wir euch noch ein paar Links von Organisationen/Initiativen ans Herz legen, die unserer Meinung nach besonders in der Krise euren Support verdient haben:
Die Bremer Suppenengel (Hilfe für Obdachlose und Bedürftige): https://suppenengel.de/
TWAB (Selbstvertretung von Geflüchteten in Bremen): https://togetherwearebremen.org/
Zucker e.V. (Verein für unkommerzielle Clubkultur): http://zucker-club.de/
Clubverstärker United (Initiative zum Erhalt von Kneipen und Clubs in Bremen): https://clubverstaerkerunited.de/
Sea-Watch (zivile Seenotrettung an Europas Außengrenzen): https://sea-watch.org/


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